Kerstin Gramelsberger
Autorin




Leseproben


Science Fiction


Cover Schau in die Zukunft     
 

Der Monolith - 2015

Ich öffnete die Augen. Doch um mich herum blieb es grau, dunkelgrau. Meine Augen starrten in ein diffuses Nichts. Meine Handflächen spürten Glätte und Kälte. Ich blinzelte, dann drehte ich vorsichtig den Kopf. Grau. Ich drehte ihn in die andere Richtung: grau. Meine Finger versuchten, die Bettdecke zu ertasten – nichts. Wenigstens das Laken auf der Matratze, die Matratze selbst – nichts. Stattdessen nur glatte Kälte. Und Härte.
Keuchend setzte ich mich auf und sah mich verwirrt um. Träumte ich? Gerade eben war ich von einer Kneipentour mit meinem Kumpel nach Hause gekommen und war im Begriff gewesen, ins Bett zu gehen. Langsam sah ich an mir herunter: Ich hatte noch meine Klamotten an und lag offensichtlich nicht in meinem Bett. Was war passiert?
In dem diffusen Grau konnte ich nichts als dieses selbst erkennen. Grau, grau, grau, links, rechts, über mir. Nur das Unter mir machte eine Ausnahme. Das war nicht grau sondern schwarz.
Tastend fuhr ich mit meinen Händen über die kalte Oberfläche. Keine rauen Stellen, keine einzige Unebenheit.
Ich stand auf. Fast wäre ich wieder zusammengesackt, meine zitternden Beine wollten anders als ich. Die Kälte bohrte sich durch meine oberste Hautschicht und eroberte die Wärme der darunter liegenden Zellstrukturen. In einer hilflosen Abwehrreaktion schlug ich die Arme um mich und hielt mich fest in dem kläglichen Versuch nicht nur meine Körperwärme zu verteidigen, sondern auch meinen Körper vor dem Auseinanderfallen zu schützen.
Wie weit? Wie weit reichte dieser kühle Stein auf dem ich stand? Warum stand ich hier überhaupt? Und wo war ich?
Vorsichtig ging ich ein paar Schritte geradeaus. Der Boden unter mir änderte sich nicht. Ich ging weiter in irgendeine Richtung, Schritt für Schritt, zögernd, vorsichtig. Dann – plötzlich nichts mehr. Mein nächster Schritt wäre der letzte gewesen. Verdammt. Wo war ich? Zitternd ließ ich mich auf die Knie sinken.
Sofort drang diese Steineskälte direkt in meine Knochen. Wieder blickte ich mich um, drehte den Kopf, doch außer diesem diffusen Grau gab es hier nichts, was meinen Blick festhalten konnte. Keine Wolken, keinen Himmel, keine Sonne, geschweige denn einen Mond, erst recht keine Sterne, nichts. Das Einzige, das ich nun erkennen konnte, war der Rand meines – ja, was eigentlich? Meines Raumes? Meines Aufenthaltortes? Meines Gefängnisses? Meines Standortes. Ja, das war gut. Das klang beruhigend und nach Existenz.
Nun begann ich, mit meinen Handflächen nach dem Rand zu tasten, den meine Augen kaum erkennen konnten. Ein Rand, ja, mit einer scharfen Kante, sehr scharf, fast messerscharf, dann nichts mehr. Die Kante führte meine Finger in einem Fünfundvierzig-Grad-Winkel nach unten.
Ich legte mich auf den Bauch und rutschte nach vorne. Vorsichtig zogen mich meine Finger näher an die Kante, irgendwann konnte ich nicht nur geradeaus sehen, sondern auch nach unten. Doch dort war – ebenso wie neben mir und über mir und um mich herum – nichts.
Halt, nein, nicht ganz. Je länger ich fassungslos nach unten starrte und zu verstehen versuchte, was mir meine Augen so schonungslos zeigten, konnte ich doch etwas erkennen, was mich aber nicht zuversichtlicher werden ließ. Weit, weit unten sah ich schroffes Felsgestein – graues schroffes Felsgestein, grauere Schatten, die die Schroffheit modulierten in einem grauen Licht. Nein, korrigierte ich mich, kein Licht. Denn Licht bedeutete Helle, Freundlichkeit, Heimeligkeit, Zivilisation. Dies hier war alles andere. Also kein Licht, aber was dann? Wie nannte man einen helleren Schatten unter vielen dunkleren?
Fassungslos rutschte ich zurück, weg von der Kante. Wo war ich? Auf einer Steinplattform, hunderte Meter hoch? Irgendwo im Nirgendwo? Dies alles konnte doch nicht wahr sein! Ich musste Hilfe holen, jemanden anrufen, der mich retten konnte und mir dies erklären sollte.
Hastig setzte ich mich auf, tastete nach meinem Handy in der Hosentasche – jetzt war ich froh, nicht schon ins Bett gegangen zu sein –, zog es heraus, suchte nach Empfang, aber da war keiner. Kein einziger Balken, nur das Datum leuchtete mir gespenstisch ins Gesicht: 22.Febr.2015.
Trotzdem versuchte ich eine Nachricht zu senden, doch es kam keine Versendebestätigung. Ich starrte lange auf das Display, nur um mich nicht dem stellen zu müssen, was danach auf mich wartete. Ich starrte so lange, bis der Akku aufgab und das Licht erlosch...

 
 

 
© 2015-2019 Kerstin Gramelsberger