Kerstin Gramelsberger
Autorin




Leseproben


Erzählungen


Mein Herz am Meer     
 

Zum Scheitern verführt - 2016


Wieder stehe ich hier. Die Augen geschlossen, das Gesicht nass von Gischt und salzigen Tränen. Die feinen Härchen auf meinen Armen aufgestellt, zum Kampf gegen die Kälte bereit, doch nutzlos gegen mein inneres Frieren.
Die Antworten, die ich auch gestern hier nicht fand, stießen mich noch weiter hinab, so zerbrechlich wie Vogelknochen in einem erkaltenden Körper. Hatte ich mir nicht auch gestern schon geschworen, heute sollte es sich ändern? Sollte sich alles zum Guten wenden? Aber ich stehe wieder hier, der Beweis meiner Unzulänglichkeit.
Ich kann das Meer riechen, das Salz, die Algen, die toten Fische, die gestrandet im Leben auf dem Sand vergehen. Ich weiß, wie bunt die Farben in der Tiefe sind, geheimnisvoll schillernd, intensiv leuchtend, unentdeckt und wunderschön. Wie oft habe ich versucht, diese Farben aus dem Wasser zu holen und zu immerwährender Leblosigkeit auf totem Untergrund zu verbannen. Auch dies ist mir misslungen, wie so vieles in meinem Leben. Man kann die Dimensionen nicht verschieben, nicht das eine in das andere zerren, ohne dass etwas – jemand – Schaden dabei nimmt.
Ich kann mit geschlossenen Augen beobachten, wie das Meer aussieht, wie die Gischt an den Felsen leckt, immerzu, schmutziggrau, schmutziggrün und schmutzigweiß, zu oft schon bin ich hier gestanden. Immer ist sie da, die Bewegung, die sich zur Welle türmt, versucht, sich in die fremde Dimension zu wuchten.
Die Welle und ich haben es gemeinsam, das Scheitern, die Beharrlichkeit. Ich höre die Welle, wie sie heran rauscht, wuchtig und gewaltig, und doch aussichtslos, immer wieder. Sie versteht es nicht wie seit Jahrmillionen schon. Das ist ein kleiner Trost für mich, meine scheiternden Versuche sind endlich.
Ich könnte die Augen öffnen, und dem ewigen Scheitern der Welle zusehen, mich daran ergötzen, dass sie es so viel schlechter getroffen hat als ich. Aber auch hierzu fehlt mir der Mut; die Welle leidet nicht...

 
 

Das Schwein hat blaue Augen     
 

Wenn die Liebe sterben muss - 2016


-... Bewaffnet mit ihren Flausche-Antirutsch-Socken und ihrer Wohlfühl-Jogginghose versuchte Sina, es sich mit einem Glas Wein vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Die hereinbrechende Dunkelheit drückte gegen die Fenster, die Stille des Alleinseins gegen ihr Trommelfell. Ihre Augen verfolgten die Nachrichten im Fernseher, doch die Bedeutung dessen, was sie sah, erreichte ihr Bewusstsein nicht. Philipp war inzwischen sicher schon gelandet und Sina wartete auf seinen Anruf, dass alles gut gegangen war. Noch sechs Tage, bis er zurückkam, sechs lange Tage: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag...
„- und stürzte kurz nach dem Start über unbewohntem Gebiet ab. Der Airbus A320 von München nach Hamburg war nach Angaben der Fluggesellschaft mit 173 Passagieren besetzt, davon sieben Besatzungsmitglieder. Alle Passagiere kamen bei dem Unglück ums Leben. Wodurch die Explosion an Bord ausgelöst wurde, ist derzeit noch unklar, ein Bombenattentat wird jedoch nicht ausgeschlossen...“ Sina erstarrte, bevor sie schlucken konnte. Ihre Augen sahen Bilder von verkohlten Trümmern, aus denen vereinzelte Rauchfahnen aufstiegen wie die Seelen vergangener Leben. Sehr langsam und behutsam stellte sie das Weinglas, das sie in der Hand gehalten hatte, auf dem Wohnzimmertisch ab, als ob sie durch eine unbedachte Bewegung den schützenden Schleier zwischen Wahrheit und Unmöglichkeit einreißen könnte. Dann lehnte sie sich vorsichtig zurück und verfolgte weiter die Nachrichten, nicht in der Lage, das Gesagte aufzunehmen. Ihr ganzer Körper war taub, unfähig, zu reagieren mit dem Schock, der ihre Adern durchpulste, während der Nachrichtensprecher zu weiteren Themen überging, die für andere Menschen auf dieser Welt vielleicht ebenso dramatisch waren wie die vorherige Nachricht für Sina. Doch Sina musste ihrem eigenen Albtraum begegnen. Sie konnte ihn nicht ungeschehen machen, indem sie einfach die sich auftürmenden Sekunden wegatmete. Wie entrückt starrte sie weiter auf den Bildschirm, während die Realität Wunde für Wunde in ihr Bewusstsein schnitt, bis Sina dem Schmerz nicht mehr ausweichen konnte.
Philipp.
Philipps Flugzeug war abgestürzt. Sina fing an zu zittern. Erst ganz harmlos, doch das Zittern nahm zu, je mehr sich die Tragweite dieses Unglücks in ihr Innerstes biss, jede Sekunde ein bisschen mehr.
Philipp.
Philipp war abgestürzt, keine Überlebenden, alle tot, kein Philipp mehr, kein Abholen am Flughafen, keine Umarmung, kein Kuss, keine Zukunft mehr, nie mehr. Nie mehr Philipps Stimme, Philipps Geruch, Philipps Berührung, nie mehr. Unmöglich, unvorstellbar, unüberlebbar.
Sina wurde schlecht. Sie stürzte ins Badezimmer und schaffte es gerade noch, sich über die Wanne zu beugen, bevor ihr schwarz vor Augen wurde.
Als sie wieder zu sich kam, wunderte sie sich, warum sie zitternd und schwach auf dem Badezimmerboden lag, doch die wohltuende Unwissenheit war schlagartig vorbei, und Sina stand ihrem persönlichen Albtraum wieder viel zu schnell und viel zu brutal gegenüber.
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Sina erschrak, doch entgegen jeglicher Vernunft hoffte sie. Hoffte, dass es Philipp war, der das Flugzeug verpasst hatte, dem plötzlich so übel geworden war, dass er nicht einsteigen konnte, der seine wichtigen Geschäftsunterlagen zuhause vergessen hatte, der eine Vorahnung gehabt hatte und deshalb nicht eingestiegen war, der... Fast euphorisch stand Sina auf und ging zitternd auf das Telefon zu. Wenn sie jetzt nicht schnell genug abheben würde, würde sie Philipp verpassen. Sie nahm den Hörer auf.
"Philipp?", fragte sie zögernd – Stille.
Dann: "Hallo Schatz. Ich wollte dir nur sagen, dass ich gut gelandet bin und mich jetzt auf den Weg ins Hotel mache, okay?"...

 
 

 
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