Kerstin Gramelsberger
Autorin




Leseproben


Fantasy


Cover Elfentanz     
 

Felín - 2016

-... Laiika ließ die Blätter zurückschnellen und stand auf. Sie wollte nicht sehen, wie Majurin Felín ansah, es tat zu weh. Schnell lief sie ein paar Schritte in den Wald, bevor sie ihre Elfenflügel zum Summen brachte und abhob. Mit tränenblinden Augen flog Laiika durch den Wald.
Viel zu oft in letzter Zeit hatte sie mit ansehen müssen, wie Majurin Felín angesehen hatte. Majurin sollte Felín nicht so ansehen, er sollte sie, Laiika so ansehen! Laiika hatte so lange darauf gewartet, dass Majurin sie entdeckte, stattdessen hatte er nun Felín entdeckt. Und Laiika ertrug es nicht länger. Es war genug. Schluss damit! Keinen weiteren Augenblick würde Laiika atemlos zusehen, wie diese eitle Felín Majurin umgarnen und ihn blind für Laiika machen würde. Keinen einzigen Augenblick mehr! Ihr Entschluss stand fest, sie würde es tun, ja, sie würde es tatsächlich tun! Und zwar gleich morgen! Morgen, wenn sich Felín einmal mehr im Seespiegel bewunderte, würde Laiika ihren Elfenzauber weben.
Diese ungeheuerliche Vorstellung ließ Laiika nach Luft schnappen. Jetzt wusste sie, warum sie seit Monaten schon heimlich an diesem Zauber arbeitete, dem schrecklichsten überhaupt. Seine Zutaten waren fast unmöglich zu beschaffen – fast. Zunächst hatte Laiika auch nur aus Neugier und Spielerei angefangen, die Zutaten zu sammeln, hatte es als sportliche Herausforderung gesehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte nicht ernsthaft vorgehabt, den Schreckenszauber auch wirklich einzusetzen. Doch Majurins Blicke, die nicht ihr galten, machten aus der Spielerei eine Notwendigkeit.
Mit schrecklich aufregenden Gedanken kam Laiika an ihrem Heimatbaum an und ging sofort in ihre Baumhöhle. Nun, da die Entscheidung gefallen war, wollte sie keine Sekunde mehr verschwenden.
Schnell machte sie sich daran, die gesammelten Schätze auf dem Tisch auszubreiten: zuerst die Augäpfel eines Feuersalamanders, bei lebendigem Leibe herausgerissen, dann das Gehirn einer Feldmaus, nicht älter als fünf Tage, die Kralle eines Sperlings, bei mondheller Nacht gerupft, das Herz eines Froschweibchens vor der Eiablage, zuletzt den Kot einer schwarzen Nacktschnecke.
Laiika machte sich daran, alles fein zu zerhacken, zu zerquetschen und zu zermahlen. Dann fing sie an zu wiegen und zu mixen, zu sieben und zu rühren, um schließlich das Gemisch in eine bauchige Flasche zu geben, die fast die Form einer Träne hatte. Zuletzt goss sie das schillernde Blut eines Eichhörnchens darüber.
Laiika hatte es fast geschafft, nur eine Zutat fehlte noch, die schwierigste und schrecklichste zugleich: das gerade noch schlagende Herz eines Kolibris. Erst gestern war es ihr gelungen, ihn zu fangen, lebend. Nun fasste sie in den Käfig, holte das zitternde Wesen heraus, drehte ihm den Kopf herum und schnitt rasch seinen zuckenden Leib auf. Mit einem Ruck riss sie das pulsierende Herz heraus und warf es zu der blutigen Masse in die Flasche. Sofort fing die Mixtur an zu blubbern und zu zischen. Dann stieg eine dunkle, übelriechende Dampfwolke auf, bevor sich das Gemisch beruhigte. Mit blutigen Händen verschloss Laiika sorgsam das Gefäß mit einem Korken und schüttelte alles noch einmal kräftig durch. Endlich war es vollbracht. Lächelnd legte Laiika ihren Zauberstab bereit...

 
 

Cover Mystische Geisterschiffe     
 

Die Pearl of Humanity - 2016

-... Babs schoss das Adrenalin in die Poren, ihr ganzer Körper signalisierte Gefahr, weg von hier, Flucht!
Da löste sich plötzlich ein Schatten aus der Ecke und rannte blitzschnell von einer Seite zur anderen, an den Freunden vorbei, und verschwand in der Dunkelheit des Schiffsbauchs. Babs erster Impuls war zu schreien. Der zweite sich umzudrehen und nach oben zu flüchten. Stattdessen blieb sie, festgenagelt zwischen den eisernen Händegriffen ihrer Freunde.
"Oh Gott, habt ihr das gesehen? Was war das?", flüsterte Mark.
Babs konnte ihn kaum hören, so laut dröhnte ihr eigenes Blut in den Ohren.
"Ja, ich hab´s auch gesehen. Irgendeine dunkle, zottelige Gestalt", flüsterte Benno.
"Und ich habe es wimmern gehört, als es an uns vorbei ist", hörte sie Jenny flüstern. "Habt ihr das auch gehört? Hat dieses Ding Angst? Ist es doch ein Tier?"
"Ein Mensch wohl kaum", entgegnete Mark. "Der würde auch nicht so fürchterlich stinken."
"Was sollen wir tun?", hauchte Jenny. "Einfach wieder gehen und so tun als wäre nichts gewesen?"
Die darauf folgende Stille machte Babs klar, dass sie dies nicht mehr konnten. Hier drin war ein Wesen, ob hilflos oder nicht, und sie mussten herausfinden, was geschehen war. "Also was immer es auch ist, offensichtlich ist es nicht gefährlich und hat ziemlich Angst vor uns", folgerte Babs, nachdem die Vernunft das Adrenalin verdrängt hatte und ihr Herz wieder am richtigen Platz schlug. "Ich bin dafür, dass wir uns das Ding näher ansehen. Vielleicht braucht es Hilfe?"
"Wir sollten es zu uns locken", sagte Benno. "Wir setzen uns einfach hier auf den Boden, direkt vor die Treppe. So kann uns dieses Ding im Lichtviereck sehen und merkt, dass es vor uns keine Angst zu haben braucht. Vielleicht traut es sich dann heraus aus seinem Versteck."
Sein Vorschlag fand allgemeine Zustimmung, und Jenny und Babs setzten sich auf die unterste Treppenstufe, während Benno und Mark sich davor auf den Boden setzten. Dann warteten sie stumm.
Nach einiger Zeit ließ das keuchende Atmen nach und Babs hörte ein Scharren und Rascheln, das den Zwiespalt verriet: Kommen oder bleiben? Mut oder Angst? Rettung oder Untergang?
Da hatte Babs eine Idee. Ganz leise fing sie an zu summen. Erst nur so vor sich hin, keine bestimmte Melodie. Doch dann merkte sie, dass sie Maikäfer flieg vor sich hinsummte. Oder auch Schlaf Kindlein schlaf, so genau konnte sie das beim Summen nicht unterscheiden. Die anderen drei blieben still.
Und tatsächlich! Bei der dritten Strophe von Maikäfer flieg - oder Schlaf Kindlein schlaf - fing das Rascheln wieder an, das beim ersten Summen verstummt war, und Babs konnte einen Schatten erkennen, der sich ganz langsam aus der Dunkelheit hervor arbeitete in das Dämmerlicht. Je mehr Babs erkennen konnte, desto schwerer fiel es ihr, weiterzusummen. War es ein Tier? Ein Hund? Nein, für einen Hund war es zu groß, aber trotzdem konnte Babs eine Menge Fell erkennen. Eine unförmige, in Fell gehüllte Gestalt kam auf sie zu. Was war es?
Dann verstummte Babs doch. Nicht, weil sie keine Lust mehr gehabt hätte zu summen, sondern weil das, was sie nun sah, ihr die Stimme versagen ließ, und zwar völlig. Um nichts auf der Welt wäre sie fähig gewesen, weiterzusummen, geschweige denn zu schreien, als das Etwas in das Lichtviereck vor die vier Freunden trat...

 
 

Cover Dark Place     
 

Das Karussell der Ewigkeit - 2016

Es hatte alles keinen Sinn mehr. Jetzt, wo Vicky endgültig Schluss gemacht hatte. Allein diese Tatsache mit dem Wort ´endgültig´ zu verbinden, riss ihm das Herz aus der Brust. Zurück blieb ein tiefes, blutendes Loch, dessen Leere mehr schmerzte als alles andere an ihm; sein Hals, der vom Heulen ganz rau war, seine Nase, die den Rotz nicht mehr halten konnte, sein Kopf, der die Wahrheit immer noch nicht akzeptierte. All das war gar nichts gegen den Schmerz an der Stelle, wo früher sein Herz saß. Aus, vorbei, endgültig. Keine Vicky mehr, keine lachende, keine weinende, keine nörgelnde, keine zärtliche, keine gut riechende Vicky mehr. Nie wieder.
Jochens Augen liefen schon wieder über, als er ziellos durch die Nacht torkelte, auf der Suche nach Linderung, wenn schon nicht Heilung. Die dunklen Dorfstraßen mit ihren spießigen Lichtschimmern auf dem Asphalt, die aus spießigen Wohnzimmern fielen, hatte er längst hinter sich gelassen. Sein Körper steuerte den Hügel hinauf, dort, wo sie alle begraben lagen. Alle, die das Leid hinter sich gelassen hatten, die nie wieder diesen Schmerz ertragen müssten, nie wieder überhaupt einen Schmerz. Er wollte ihn auch nicht mehr fühlen, den Schmerz in seiner Brust. Er wollte an einen toten Ort mit toten Dingen. Er sollte auch tot sein, dieser Schmerz. Jochen wollte Vergessen. Erlösung!
Er schluchzte. Seine Finger zogen das letzte Taschentuch aus seiner Hose, das eigentlich nicht mehr brauchbar war, da es bereits vom Rotz der letzten halben Stunde gesättigt war. Doch ungeachtet dessen schnäuzte Jochen erneut hinein, dann warf er es weg und benutzte den Ärmel seiner Jeansjacke. Es war ihm egal, dass der Rotz eine schleimige Spur hinterließ, die im Mondlicht schimmerte – es kümmerte ihn nicht. Es kümmerte ihn gar nichts mehr, jetzt, wo er ohne Vicky leben musste. Oh Gott, unvorstellbar, ein Leben ohne Vicky, eine Zukunft ohne Vicky, Jahre, Jahrzehnte, die Ewigkeit ohne Vicky.
Jochen schwankte. Er sah kaum das rostige alte Eisentor des Friedhofs in der Finsternis vor sich, das er mit brutaler Gewalt aufstieß. Jochens Gefühle waren tot, in ihm war nur noch Grobmotorik, die Zärtlichkeit hatte er bei Vicky gelassen. Seine Sohlen malträtierten den fein säuberlich geharkten Kiesweg zwischen den Gräbern, dessen Sauberkeit im Mondlicht schimmerte. Der Ruf des Käuzchens kam prompt, doch er drang nicht in Jochens betäubtes Gehirn vor. Jochen war taub, gefühllos, tot. Sein Körper war tot, sein Geist war tot wie alles um ihn herum.
Immer noch schluchzend torkelte er zwischen den pedantisch gepflegten Grabsteinen hindurch, wie spießig. Was würden die Dorfbewohner auch hinter vorgehaltener Hand tuscheln, wenn das Grab des einzigen Sohnes oder der einzigen Mutter oder des einzigen Schwiegervaters oder sonst wem einfach so vor sich hin verwitterte? Keine Achtung vor dem Tod, keine Liebe, die die Hinterbliebenen dem Toten auf Lebzeiten schuldeten.
Aber genau das wollte Jochen: Gefühllosigkeit, Lieblosigkeit, Missachtung der Hinterbliebenen gegenüber den Verstorbenen. Seine Schritte führten ihn in den hinteren Teil des Friedhofs, wo die Gräber nicht pedantisch gepflegt waren, wo das Unkraut den Kiesweg verschluckte, wo die Grabsteine mit Moos überwuchert, die Inschriften verwittert waren und keiner mehr aus dem Dorf sich darum kümmerte. Denn dort lagen die Ausgestoßenen, die Versager, die seit Jahrhunderten Geächteten.
Etwas huschte vor Jochen über den mondhellen Weg, schnell, damit seine Füße den zerbrechlichen Körper nicht zerquetschten. Jochen stolperte fast. Schade, dass er die Maus nicht erwischt hatte, nur zu gerne hätte er sie zermatscht, bis ihre Gedärme an seinen Sohlen klebten, doch auch das würde seinen Schmerz nicht lindern können.
Seufzend ließ er sich auf die morsche Bank unter der riesigen Eiche fallen. Die Bank dünstete feuchten Modergeruch aus – oder die Gräber? – und Jochen fuhr mit seiner Hand über das feuchte Holz. Hier hatte er mit Vicky gesessen, an einem sonnigen Nachmittag, kurz nachdem sie sich auf einer Schulveranstaltung kennen gelernt hatten. Wie glücklich er gewesen war! Glücklich und aufgewühlt von ihrem ersten Kuss, warm von der Sonne und ihrem Lachen. Jetzt saß er hier alleine, im Dunkeln, der Mond sein einziger Lichtblick. Und sein einziger Zeuge, als er das Seil um seine Hüften löste und langsam eine Schlinge formte.
Er war sich nicht sicher gewesen, als er losgelaufen war, so voller Wissen über seine Nichtzukunft mit Vicky. Aber er wollte vorbereitet sein, falls er sich sicher sein würde, also hatte er das Seil mitgenommen. Und jetzt war er sich sicher. Es würde keine Nichtzukunft mit Vicky geben, es würde gar keine Zukunft mehr geben. Weder für ihn mit Vicky noch für ihn ohne Vicky, er würde keine Ohne-Vicky-Zukunft ertragen und nicht zulassen. Der Schmerz, die Qual raubte ihm den Atem. Es sollte aufhören. Jetzt!
Langsam stand er auf, stellte sich auf die Bank, einen Augenblick fürchtend, dass die morsche Bank sein Gewicht vielleicht zu früh fallen lassen würde. Aber die Bank hielt. Konzentriert warf er die Schlinge über den stärksten Ast der Eiche, den er erreichen konnte. Dann knotete er das freie Ende um den Stamm. Schemenhaft im Mondlicht baumelte die Schlinge vor Jochens Augen. Der Mond würde sein einziger Zeuge sein, sein letzter Lichtblick in einer düster gewordenen Welt. Die Dunkelheit hatte ihn schon vorher verschluckt, schon, als Vicky Schluss gemacht hatte. Bei dem Gedanken fing sein Herz in der Brust wieder an zu schmerzen.
Komisch, dass ein Herz – etwas, das man anfassen konnte – ein so starkes Gefühl hervor brachte. Etwas, das nicht zu fassen war. Mit diesem wunderlichen Gedanken legte er sich die Schlinge um den Hals. Das raue Hanfseil stand störrisch ab, legte sich nicht anschmiegsam und zärtlich um seinen Nacken, wie es Vickys Hände getan hatten. Nie mehr tun würden, egal ob er weiter lebte oder nicht. Doch ohne Vickys Hände wollte er nicht mehr weiterleben.
Den Blick in die Unendlichkeit gerichtet, eine Hand an der Schlinge am Hals, die andere um seine schmerzende Brust geschlungen, machte er einen Schritt vorwärts, weg von der Bank, weg vom Leben...

"Ja Kreuzkruzifix halleluja, bleib stehen! Wirst du mir wohl endlich gehorchen, du unflätiges Weib!"
Jochen verspürte einen scharfen Ruck, dann schlug er auf dem Boden auf. Ungläubig sah er, wie ein Mann in seltsam altmodischer Kleidung über ihn hinweg sprang, das Schwert erneut zum Schlag erhoben, nachdem er Jochens Seil mit nur einem Hieb durchtrennt hatte, um den Weg freizubekommen. Das Mondlicht, das die scharfe Klinge aufblitzen ließ, ließ den Fremden seltsam farblos erscheinen.
"Nie mehr wieder wirst du es wagen, mir Hörner aufzusetzen, nun bist du des Todes, du Ruchlose!"
Immer noch ungläubig sah Jochen, wie der Mann zwischen den dunklen Grabsteinen hin- und hersprang, als ob er jemanden suchen würde – oder jagen.
Da sah Jochen eine zweite Gestalt im Mondlicht, seltsam blass, eine junge Frau mit langen, blonden Locken in einem bauschigen, altmodischen langen Miederkleid, die vor dem Mann floh. "Nicht, mein liebster Gatte, verschont mich! Nichts habe ich getan, gar nichts." Die Frau stolperte über ihr Kleid und sank auf ein uraltes, verwildertes Grab, wo sie auf den Knien liegenblieb.
Jochen hielt den Atem an...

 
 

Cover untot     
 

Der Folterkönig - 2015

-... In der Gruft war es kalt, als ob der Tod die Wärme des Lebens verachtete. Die Gruft selbst war leer, bis auf den aufgebahrten Sarg in der Mitte, dessen Glasdeckel das Licht der künstlichen Fackeln an den Wänden widerspiegelte. Die elektrischen Fackeln erhellten das Gemäuer gerade soweit, dass man erkennen konnte, was in dem Sarg unter der dicken Glasscheibe lag. Auf der anderen Seite der Gruft war die Gruppe der Touristen gerade dabei, die drei Stufen wieder hinaufzugehen und das Gewölbe durch die Ausgangstür zu verlassen. Nun waren Mario und seine Mutter alleine. Vorsichtig näherten sie sich dem Sarg und warfen einen Blick hinein. Der Körper, der dort lag, überraschte Mario; jedoch nicht, weil die Kleidung das Mittelalter verriet. "Sieh mal, der sieht ja gar nicht so alt aus", sagte Mario. "Und auch überhaupt nicht gruselig oder so."
Seine Mutter nickte. "Stimmt. Entweder hat dieser Typ nicht lange genug gelebt, um alt auszusehen, oder sie haben einen verdammt guten Restaurator hier. Vielleicht sollte ich auch mal zu ihm gehen?" Es klang scherzhaft und sie puffte Mario dabei in die Seite.
"Haha", Mario entrang sich ein müdes Lächeln.
"Okay, lass uns gehen", sagte seine Mutter und drehte sich der Ausgangstür zu.
Mario wollte noch nicht gehen, irgendwie faszinierte ihn dieser tote Körper, der so jung aussah, so jugendlich, so frisch. Die Wimpern, die Haut, die Haare... Mario beugte sich noch ein wenig vor, sein Spiegelbild auf der Glasplatte bewegte sich mit. Da sah er eine andere Bewegung, die nicht von ihm kam: Der Tote unter der Glasplatte schlug die Augen auf...

 
 

Cover Kalter Hauch     
 

Das Bild - 2014 & 2015 - 3. Platz!

-... Der Schlaf zog mich auf die andere Seite, schwer und traumlos, als mich ein lautes Scheppern wieder zurückholte. Erschrocken fuhr ich hoch, mit verzehnfachtem Herzschlag lauschte ich in die Nacht, doch alles, was ich hören konnte, war der Puls in meinen Ohren, der dem Takt des Herzens folgte.
Da fiel mein Blick auf die Kommode - das Bild meiner Oma war umgefallen, sie konnte mich nicht mehr sehen. Ich streckte meine Hand aus, um das Foto wieder aufzustellen, doch als ich es berührte, wurde sie von einem Wirbel umfasst und alles andere um sie herum verschwamm vollkommen in der Geschwindigkeit. Schatten und Gegenstände zerflossen, zogen sie mit sich, und Sonja tauchte ein, versank in einem schattenlosen Nichts.

Ich saß aufrecht im Bett, die Adern vollgepumpt mit Adrenalin, was war geschehen? Langsam sah ich mich im mondhellen Dunkel um. Neben dem Bett stand eine Kommode, auf der ein Bild lag, offensichtlich umgefallen. Ein ungutes Gefühl breitete sich in mir aus wie das schockierende Dunkelblau eines umgestoßenen Tintenfasses auf weißer Leinendecke. Irgendetwas stimmte nicht, stimmte ganz und gar nicht. Ich atmete, ich lebte - schmerzfrei, war es das? Vorsichtig tastete ich über mein Gesicht - keine Falten, auch die Haut auf meinen Händen war glatt und weich. Ich war jung, war dies selbstverständlich? Müsste ich nicht im Krankenbett liegen, zu alt, um zu genesen? Jedenfalls war dies die letzte Erinnerung an mein Leben. Und nun? Vorsichtig rutschte ich tiefer ins Bett und zog die Decke unter mein Kinn...

 
 

 
© 2015-2019 Kerstin Gramelsberger