Kerstin Gramelsberger
Autorin




Leseproben


Kindergeschichten


WUWEI     
 

Leni verschenkt Weihnachten - 2016

Leni wachte auf. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, warum, doch dann hörte sie es wieder: ein herzerweichendes Schluchzen und Jammern. Doch woher kam es? Wer jammerte denn mitten in der Nacht so laut, dass Leni davon wach wurde?
Neugierig und gleichzeitig ein bisschen ängstlich schlug sie die Bettdecke zurück. Der Fußboden war kalt, eisigkalt, doch Leni wollte unbedingt wissen, wer da so großen Kummer hatte. Das Jammern kam eindeutig von draußen. Vorsichtig schlich Leni in ihrem dünnen Nachthemd zum Fenster, wobei sie fröstelnd die Arme um sich schlang.
Eine dicke Schneedecke hatte den Garten verschluckt, die der Vollmond mit blauem Schimmer übergoss, sodass der Schnee bläulich glitzerte. Leni fand, dass es richtig geheimnisvoll aussah, und schön. Doch sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken, außer den Fußspuren, die sie und ihr Papa gestern Nachmittag hinterlassen hatten, als sie zusammen einen Schneemann gebaut hatten. Die Fußspuren rissen dunkle Löcher in die Glitzerdecke um den Schneemann herum, der mitten im Garten stand mit seinem Kochtopf als Hut und seiner Karotte als-
Halt! Was war das? Wo war denn die Karotte geblieben? Und wer schluchzte immer noch so herzerweichend? Leni kniff die Augen zusammen. Weinte etwa der Schneemann? Sie konnte es kaum glauben, als sie sah, wie der dicke Schneemann sich die Kristalltränen aus den Kohleaugen wischte. Nein, das konnte doch nicht sein! Leni musste hinunter, musste in den Garten und sich vergewissern, dass der Schneemann nicht weinen konnte, weil er eben nur ein Schneemann war. Und Schneemänner weinten nicht.
Schnell schlüpfte Leni samt Nachthemd in ihre Skihose, die noch von gestern Nachmittag über dem Stuhl hing. Die Hose war eklig feucht und kalt. Hätte Leni sie mal besser über die Heizung gehängt, wie ihre Mutter es gesagt hatte, dann wäre die Hose jetzt trocken und kuschelig warm. Auch der Anorak war feucht und kalt. Leni schüttelte sich und hoffte, dass ihr ganz schnell warm werden würde. Dann schlich sie zur Tür und lauschte. Im Haus war es ruhig, ihre Eltern waren längst zu Bett gegangen.
Leise huschte Leni die Treppe hinunter. Gott sein Dank eine Steintreppe, da konnten keine Stufen knarzen wie bei Oma, dafür wurden ihre kalten Füße noch ein wenig kälter. Schnell lief Leni zur Haustüre, wo ihre Stiefel standen. Wenigstens die waren warm und trocken dank der Fußbodenheizung im Flur.
Langsam, damit sie nicht knarzte, öffnete Leni die Haustüre, schob den Holzkeil, der immer hinter der Türe lag, in den Spalt und schlüpfte hinaus...

 
 

Cover Reiseabenteuer     
 

Peregrin zieht aus - 2016

-... Verwirrt flog Peregrin einfach weiter. Da sah er plötzlich eine Bewegung am Boden, mitten auf der großen Wiese. Peregrin erkannte eine Gestalt, die ihm irgendwie vertraut vorkam, aber gleichzeitig auch wieder nicht, weil er so etwas noch nie von oben gesehen hatte. Er versuchte, ein wenig zu sinken. Und es gelang ihm tatsächlich! Ha, wer brauchte denn schon einen Fluglehrer! Gleich hob sich seine Stimmung wieder ein bisschen.
Als er noch ein wenig tiefer sank, erkannte er, was – oder besser wer – die Bewegung verursacht hatte, und er lachte erleichtert auf.
Dann rief er lauthals, wobei er ein bisschen ins Schlingern geriet: "He, Taurinus! Hier bin ich, hier oben. Pass auf, ich setze gleich zur Landung an!" Vor Anstrengung ließ er die Zunge ein bisschen heraushängen – aber nur die Spitze – als er sich auf die Landung konzentrierte. Kaum hatte er seine Flügelschläge noch mehr verlangsamt, sank er weiter in die Tiefe und kam gleich darauf neben dem Einhorn auf, strahlend vor Stolz über seine Eleganz.
Das Einhorn war erstaunt. "Nanu? Peregrin? Wo kommst du denn so plötzlich her?"
"Ich bin ausgezogen", antwortete Peregrin, immer noch stolz. "Ich habe sogar mein Schmuse-" doch gleich darauf brach er ab und räusperte sich.
"Du bist ausgezogen?", fragte Taurinus erstaunt und schüttelte seine silberne Mähne. "Warum denn das?"
Ja, warum eigentlich. Der kleine Drache konnte sich gar nicht mehr so recht erinnern, warum er mit seiner Mutter gestritten hatte. Nur, weil er seine Höhlenecke nicht aufräumen wollte?
"Nun ja, Drachen machen das halt so von Zeit zu Zeit", antwortete er und machte eine vage Handbewegung. "Immerhin bedeutet mein Name ja auch Reisender, siehste wohl!"
"Aha", sagte Taurinus und nickte mit dem Horn auf seinem Kopf. "Und wo willst du hinziehen?"
"Zu meinem Onkel Orogrin."
"Na dann lass uns doch zusammen gehen, ich habe den gleichen Weg wie du."
"Was, willst du auch zu meinem Onkel Orogrin?", fragte Peregrin erstaunt und auch ein bisschen erleichtert. "Bist du auch von zuhause ausgezogen?"
Taurinus kicherte. "Aber nein. Ich besuche meine Tante Tameria und bleibe über Nacht bei ihr. Sie wohnt ganz in der Nähe von deinem Onkel. Oder willst du lieber fliegen?"
Nie und nimmer, wusste Peregrin doch gar nicht, wohin er fliegen musste. "Ach nein, ich begleite dich lieber, damit du nicht so alleine bist, jawoll", sagte er.
"Nun gut," sagte Taurinus. "Dann lass uns losgehen, es wird schon bald dunkel...

 
 

Cover Nassbert     
 

Finchen und das Kettenmonster - 2015

-... Da kam Fredi angeschwommen und kurvte vor Finchen herum. Doch irgendwie kurvte er komisch. Finchen riss die Augen auf. Was war das? Aus dem kleinen Entlein war eine Krake geworden mit acht langen Tentakeln! Eine schöne tintenblaue Krake. Finchen klatschte begeistert in die Hände, wobei sie ein paar Spritzer Badewasser in die Augen bekam. "Fredi, schnell, tauche und befreie Rosalie. Aber du musst dreimal gut aufpassen, dass du das Monster nicht aufweckst, sonst reißt es das Monsterloch auf und wir werden alle verschlungen!" Zur Sicherheit wedelte sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor Fredi herum. "Ich werde inzwischen Schlaf, Kindlein schlaf summen, damit das Kettenmonster nicht aufwacht." Finchen fühlte sich ein bisschen wie ihre Mami und war ganz stolz auf sich. Gleich fing sie an zu summen.
Währenddessen stürzte sich Fredi in die Tiefe. Er tauchte und tauchte, doch der Weg zu Rosalie war lang. Immer wieder musste er mit seinen acht Tentakeln auftauchen, um Luft zu holen und ganz nebenbei zu gucken, ob Finchen auch wirklich noch summte. Auf gar keinen Fall wollte er, dass das Kettenmonster aufwachte. Aber Finchen summte so schön, dass Fredi es endlich zu Rosalie hinunter schaffte.
Das Kettenmonster hatte sie wirklich fürchterlich mit seinen Kettententakeln gefesselt. Doch auch Fredi hatte Tentakeln, und was für welche! Vorsichtig fing er an, Rosalie auszuwickeln. Er musste sehr gut aufpassen, damit er das Kettenmonster nicht doch noch weckte, denn dann würde auch Finchens Gesumme nichts mehr helfen. Doch - oh weh! Plötzlich rutschte eine von Fredis acht Tentakeln ab. Oh je, sie verhedderte sich in der Kette! Nun hing Fredi auch noch fest. Vor Schreck zog er an der Kette.
Oh nein! Das Kettenmonster wachte gleich auf! Schon fingen seine Ketten an zu zittern und zu bibbern. Finchen war entsetzt. Was sollte sie tun? Gleich würde das wütende Monster das Monsterloch aufreißen, dann würden sie alle im schwarzen Loch verschwinden und Mami würde eine leere Badewanne vorfinden. Ohne Fredi, ohne Rosalie, ohne Finchen. Nur der Waschlappen würde noch einsam an den Fliesen kleben.
Jetzt konnte ihnen nur noch die Blubberfee helfen! Das Getöse der Blubberfee war das Einzige, vor dem das Kettenmonster fürchterliche Angst hatte. Hoffentlich schaffte Finchen es, sie zu rufen. Das war gar nicht so einfach, denn die Blubberfee kam und ging wie es ihr passte.
Finchen musste es versuchen. Sie kniff die Augen zusammen, spannte gleichzeitig Bauch und Po an und drückte, als ob sie mal müsste, aber nicht wirklich. Prompt brummte und dröhnte es ein paar Mal so laut, dass die ganze Badewanne zitterte, dann stiegen kurz hintereinander viele kleine Blubberbläschen auf. Finchen hatte es geschafft. Die Blubberfee war tatsächlich gekommen und hatte Blubberblasen gezaubert. Schnell öffnete Finchen die Augen, doch auch diesmal war die Blubberfee schneller verschwunden als Finchen gucken konnte. Wie das Christkind...

 
© 2015-2019 Kerstin Gramelsberger