Kerstin Gramelsberger
Autorin




Leseproben


Märchen


Wintermaerchen     
 

Weihnachtsmann geboren - 2016

Es war einmal in einer dunklen, kalten Winternacht, in der die Eiskristalle im Sternenlicht funkelten, als in einer einsamen, windschiefen Hütte mitten im tief verschneiten Winterwald ein Kindlein ward geboren, welches lieblich anzusehen war. Drei Feen kamen, um das Kindlein zu begrüßen.
Die erste Fee, die Fee des Eises, war in ein schneeweißes, wallendes Kleid gehüllt, das über und über mit funkelnden Kristallen besetzt war. Auf ihren weiß schimmernden Locken trug sie ein glitzerndes Diadem. Sie ging auf die hölzerne Wiege des schlafenden Kindleins zu, ließ sich daneben nieder und schlug sanft die Decke zurück. Langsam hob sie ihren gläsernen Zauberstab, dessen Spitze ein wunderschöner, funkelnder Kristall zierte.
Mit einer Stimme, die klang wie klirrendes Eis, sprach sie: "Du liebes Kindelein allein. Du bist auserkoren, einmal im Jahreslauf Barmherzigkeit und Hoffnung unter die Menschen zu bringen. Dies soll beginnen nach dreier Jahresfrist vom heutigen Tage an, so wird es zur kalten Jahreszeit geschehen, wenn Hunger, Not und Leid unter den Menschen durch Eis und Schnee am größten sind."
Die Fee des Eises bewegte ihren Zauberstab einmal im Kreise herum, sodass er kleine, weiße Schneeflocken versprühte, die langsam auf das nackte Kindlein hernieder sanken. Dann erhob sie sich, um Platz zu machen für die zweite Fee.
Die zweite Fee, die Fee des Feuers, war in ein rotes, wallendes Kleid gekleidet, auf dessen edlem Stoffe kleine, gelbe Flämmchen auf und nieder züngelten. Auf ihren schwarzen Locken trug sie eine Krone, die mit blutroten Rubinen besetzt war. Sie ging auf die hölzerne Wiege des schlafenden Kindleins zu, ließ sich daneben nieder und blickte hinein. Langsam hob sie ihren roten Zauberstab, an dessen Spitze eine kleine, rote Flamme tanzte.
Mit einer Stimme, die klang wie knisterndes Feuer im Kamin, sprach sie: "Wenn du hinaus in die eisige Welt gehst, um Barmherzigkeit und Hoffnung unter die Menschen zu bringen, so wird die Kälte dir nichts anhaben können, denn du sollst es stets warm haben, sowohl im Herzen als auch im Leibe."
Die Fee des Feuers bewegte ihren Zauberstab einmal im Kreise herum, sodass er kleine, rote Funken versprühte, die langsam auf das nackte Kindlein herniedersanken.
Dann erhob sie sich, um Platz zu machen für die dritte Fee.
Die dritte Fee, die Fee der Lüfte, war in ein graues, wallendes Kleid gehüllt, das übersät war mit kleinen, flauschigen Wölkchen, um die feine Nebelfetzen waberten. Auf ihren glatten, silbernen Haaren trug sie einen schlichten Silberreif. Sie ging auf die hölzerne Wiege des schlafenden Kindleins zu, ließ sich daneben nieder und blickte hinein.
Langsam hob sie ihren grauen Zauberstab, um dessen Stiel sich kleine Nebelfäden schlängelten. Mit einer Stimme, die klang, als brauste der Wind um den Stall, sprach sie: "Wenn du hinaus in die eisige Welt gehst, um Barmherzigkeit und Hoffnung unter die Menschen zu bringen und dir dabei die Wärme ein guter Gefährte ist, so gebe ich dir die Winde dazu, die dich hoch in die Lüfte tragen, damit du auch zu den Menschen in den entlegendsten Winkeln dieser Erde..." Doch da wurde die Eingangstüre mit einem Krachen aufgestoßen und ein dunkler Donnerschlag ließ die Feen und das schlafende Kindlein in der Wiege erzittern. Als die drei Feen sahen, wer da zur Hütte hereingebraust kam, erschraken sie zutiefst.
"Habe ich es mir doch gedacht! Ihr habt es schon wieder getan!", schrie die Fee der Dunkelheit mit einer Stimme, die dunkler klang als die schwärzeste Nacht. Die Fee war in ein samtenes, schwarzes Kleid gehüllt und auf ihren glänzenden schwarzen Haaren trug sie eine kleine samtene Kappe mit einem Schleier, der ihr bis zur Nase reichte. "Wieder habt ihr mich nicht eingeladen zur Segnung des Kindes! Wieder sollt ihr dies bereuen!", rief sie...

 
 

Wunderland     
 

Zauberhorn und Hexenwarzen - 2016

Einst hausten im tiefsten Inneren des dunklen Waldes zwei Hexenschwestern in einer windschiefen Hütte, die nur noch durch ihre Zauberkraft zusammengehalten wurde. Obwohl die zwei Hexen schon sehr lange lebten, waren ihre Gestalten immer noch dünn und ihre Gesichter immer noch jung, aber nicht mehr schön, denn sie waren übersät von dicken, hässlichen Warzen. Es waren jedoch keine gewöhnlichen Warzen. Jede einzelne war eine arme Tierseele, die den Hexen ahnungslos in die Fänge geraten war, und mit deren Lebenszeit die Schwestern ihr eigenes Leben verlängerten.
Da kam ein weißes Einhorn des Weges. Es war lange unterwegs gewesen und müde und hungrig. Auf der Suche nach einem Lager für die Nacht klopfte es an die Tür der Hexenhütte.
"Herein, herein, soll´s dein Schaden nicht sein", schallte es von innen heraus. Das Einhorn freute sich, so willkommen geheißen zu werden, und trat in die Hütte. Es konnte kaum etwas erkennen in der Düsternis, nur das Feuer unter dem Kessel erhellte den Raum ein wenig. Im Kessel blubberte es und eine dünne Rauchsäule kräuselte sich nach oben.
"Sieh an, sieh an, wer kommt heran?", fragte Schnurribur, die nicht mehr so gut sehen konnte.
"Na fein, na fein, soll´s ein Einhorn sein", antwortete Murribur ihrer Schwester. Ermutigt durch die freundliche Aufnahme trat das Einhorn vor.
"Ihr lieben Frauen, gebt mir Herberge für eine Nacht und eine Schüssel voll Suppe. Dann will ich morgen weiterziehen." Im Dunkel der Kammer konnte es die Gesichter der beiden kaum erkennen und auch nicht die schrecklichen Warzen darin.
Die Hexenschwestern sahen sich an. Da sagte Murribur: "Komm nur heran, liebes Einhorn. Einen Teller feiner Suppe will ich dir gerne geben. Auch eine Lagerstatt findest du hier in der Ecke, schön nahe am Ofen, damit du nicht frierst in kalter Nacht." Sie huschte schnell zum Kessel über dem Feuer und schöpfte mit einer langen Holzkelle Suppe in eine Schüssel. Dann stellte sie die Schüssel vor das Einhorn auf den Boden.
"Vielen Dank, gute Frau", sprach das Einhorn und fing sogleich an, die Suppe zu schlürfen. Danach legte es sich auf das Strohlager und war schnell eingeschlafen. Murribur ging hinüber zu dem wackeligen Holztisch, an dem Schnurribur saß und mit einem ihrer langen Finger an einer vertrockneten Warze auf der Backe herumfummelte. Murribur flüsterte ihr zu: "Hast du gesehen? Ein richtiges Einhorn! Mit einem schönen Zauberhorn!"
"Ja", antwortete Schnurribur leise. "Und wir werden es uns holen, das Horn und das Blut des Tieres! Ich merke schon, wie ein paar meiner Warzen verschwinden weil sie aufgebraucht sind. Aus dem Blut und dem Horn können wir neue Zaubertränke brauen und frische Seelen in schöne, fette Warzen verwandeln, auf dass wir ewig leben, hihihi. Aber pass gut auf! Du darfst das Einhorn auf keinen Fall wecken, denn die Wut eines Einhorns ist fürchterlich!"...

 
 

Cover Gruselmaerchen     
 

Von der waghalsigen Prinzessin, die sich vor nichts gruselte - 2015

-... Die Treppe endete in einem langen dunklen Tunnel. Die Luft roch modrig und verwest, und je weiter Edelmuth hineinging, desto kühler wurde es, so dass sie froh war um die Wärme der Fackel. Sie wollte sich gerade fragen, wie sie wohl die benötigten Zutaten finden sollte, das sah sie einen Schatten im Fackellicht auftauchen. Etwas lag auf dem Boden. Edelmuth roch Raubtiergeruch. Vorsichtig ging sie weiter, die Fackel erhoben, um besser sehen zu können. Vor ihr lag ein Wolf, ein riesengroßes Tier. Es stank fürchterlich nach Blut und Gedärm und Eiter und als Edelmuth genauer hinsah, erkannte sie den Grund. Der Bauch des Wolfes war aufgerissen, die Gedärme hingen heraus, vermischt mit Blut, Fell- und Gewebefetzen. Alles schimmerte und glänzte nass im Fackellicht. Der Wolf knurrte.
"Du armes geschundenes Tier. Was ist dir denn widerfahren?", fragte Edelmuth.
"Ich habe meinem Rudel nicht gut gedient", knurrte der Wolf. "Ich war selbstsüchtig und bin alleine auf die Jagd gegangen. Nicht teilen wollte ich, da hat mich das Rudel verjagt."
"Ja aber warum bist du dann so schwer verletzt?", fragte Edelmuth den elendigen Wolf.
"Ohne Schutz des Rudels hat mich der Bär erwischt, nun muss ich auf immer und ewig büßen. Erlöse mich von meiner Schmach und gib mich frei," sprach das Tier.
"Das will ich gerne tun, wenn du mir sagst, wie?"
"Reiße mir die Krallen heraus, jede einzelne meiner vier Pfoten, so werde ich nie wieder alleine auf Jagd gehen können." Edelmuth bückte sich und tat wie ihr geheißen. Bei jeder Kralle folgte ein Schwall heißen Blutes, das ihr klebrig über die Finger rann. Edelmuth musste den Kopf wegdrehen, um nicht an dem Gestank des Wolfes zu ersticken. Endlich hatte sie alle Krallen gepflückt.
"Du hast mich von meiner Schmach erlöst, nun kann ich getrost von dannen gehen", knurrte der Wolf, und sogleich fing seine Gestalt an herumzuwirbeln und sich aufzulösen, immer schneller, bis der Wolf verschwunden war. Edelmuth sah in ihre Hand, doch statt der Wolfskrallen lagen dort kleine, braune Samenkörner. Schnell schob sie die Samenkörner in ihre Gürteltasche und ging weiter. Sie musste nicht lange warten, da sah sie wieder einen Schemen zusammengekrümmt am Boden liegen. Edelmuth ging vorsichtig näher. Auf dem Boden lag ein Mann, den Rücken ihr zugedreht, in zerfetzte Lumpen gehüllt. Er wand sich und zitterte...

 
 

Cover Tiermärchen     
 

Der Gelbe, der Graue, der Schwarze, der Gefleckte und der Braune - 2014

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Mädchen, das zwar eine Prinzessin war, aber das so hässlich anzusehen war, dass sich Mensch und Tier von ihm abwendeten.
Als die Prinzessin zur Welt gekommen war, waren der König und seine Königin recht erschüttert von der Hässlichkeit, und sie gaben dem Kind den schönen Namen Melody in der Hoffnung, dass dieser Name dem Kinde wenigstens zu etwas Liebreiz verhelfen sollte.
Die Zeit verging und aus der kleinen hässlichen Melody wurde eine junge hässliche Dame.
Doch Prinzessin Melody wusste nicht, dass sie so hässlich war, denn der König hatte gleich nach ihrer Geburt alle Spiegel im Schloss zerstören lassen und Anweisung gegeben, alle spiegelnden Flächen mit Asche einzureiben und darauf zu achten, dass Prinzessin Melody nie in einen Wasserbottich schauen durfte. Auch verbot der König jedem in seinem Hofstaat, der Prinzessin jemals zu sagen, wie hässlich sie war.
Und weil es der König so befahl, geschah es auch so.
So kam es, dass aus Prinzessin Melody eine herrische, besserwisserische Person wurde, die überzeugt war, dass sie alles tun und lassen konnte, wie es ihr gefiel, denn keiner war da, der ihr Einhalt gebot.
So ließ sie etwa eines Tages absichtlich ihren Umhang fallen und schnauzte den armen Hofnarr an, der ihr unbeschäftigt über den Weg lief: "Heb gefälligst meinen Umhang auf, du nichtsnutziger Tölpel, du!"
"Sofort, Prinzessin Melody", antwortete der Unglückliche und tat, wie ihm geheißen.
Ein anderes Mal stellte sie einem Diener, der gerade das Mittagsmahl auf einem goldenen Tablett servieren wollte, ein Bein, sodass der Arme kopfüber in die Suppenschüssel stürzte und gar nicht wusste, wie ihm geschah.
"Pass doch auf, du ungeschickter Fratz!", zeterte die hässliche Prinzessin ungerührt.
Selbst die Hofhunde, die zur Belustigung des Königs im Hof herum sprangen, verschonte sie nicht. Einmal hatte sie dem Grauen die Rute übergezogen und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Der Arme duckte sich und suchte jaulend das Weite, weil auch die Hunde sich dem Befehl des Königs unterworfen hatten und sich nicht wehrten.
So kam es, dass alle am Hofe sich vor der hässlichen Prinzessin fürchteten, und keiner traute sich, dem schlimmen Treiben ein Ende zu machen. Doch hinter ihrem Rücken munkelte das gesamte Hofvolk, dass selbst ihr schöner Name der Prinzessin nichts half und dass ihre äußere Hässlichkeit auch ihr Wesen hässlich gemacht hatte. Und weil der hässlichen Prinzessin keiner Einhalt gebot, trieb sie es immer toller, immer wilder, wurde immer böser und immer hässlicher.
Eines Tages ging die hässliche Prinzessin jedoch zu weit, als sie dem Gelben eine Mausefalle an dessen Rute klemmte. Der Geschundene jaulte und winselte und schnappte nach der Falle, aber er konnte nichts ausrichten. Da lief er schnell zur Küchenhintertür, wo ihn der Küchenjunge von seinem Leid erlöste. Der Gelbe aber beschloss, dass dieses Treiben nun endlich ein Ende haben musste, königlicher Befehl hin oder her. So winselte er alle Hofhunde zusammen – den Grauen, den Schwarzen, den Gefleckten und den Braunen – und erzählte ihnen, was geschehen war...

 
 

 
© 2015-2019 Kerstin Gramelsberger